Wenn der Mensch gestorben ist, wird sein Gesicht mit einem weissen Tuch bedeckt. Man darf die Leiche nicht mehr bewegen oder berühren. Dann kommen Lamas, um zeremoniell die Seele des Verstorbenen aus dem Leiden herauszuführen und ins himmlische Paradies aufsteigen zu lassen. Bevor der Wahrsager den Termin für den Trauerzug festlegt, müssen die sterblichen Überreste gewöhnlicherweise drei bis fünf Tage im Haus verbleiben. Während der Leichnam im Haus aufgebahrt ist, muss zum Zeichen der Trauerfeier ein Tontopf an der Haustür hängen. In diesem Tontopf glimmen Zypressenzweige. Zur Trauerzeit dürfen Verwandte sowie Nachbarn nicht zum Vergnügen tanzen und singen. Am Jahrestag des Todes werden nochmals Gedenkzeremonien abgehalten.

Einleitung

Zu den traditionellen Bestattungsformen in Tibet gehören die Erd-, Himmels-, Wasser-, Feuer-, Felsenhöhlen-, Baum- und Steinsargbestattung sowie die Stupabestattung (ein Stupa ist ein Transport- und Verbrennungsbehälter). Jede Begräbnisart hängt von der Zeit und der Region der verstorbenen Person ab.
Stupa- und Feuerbestattungsformen wurden nur für Verstorbene von hohem Stand gewählt. Besonders zu erwähnen ist die Bestattungsform in Stupas. Die Stupas werden nach ihrer materiellen Beschaffenheit - Gold, Silber oder Erde - unterteilt. Ausserdem gibt es noch welche mit Körperüberresten und solche, die nur Asche in sich bergen. Dieses Begräbnis bedeutet eine besondere Ehrung des Dalai Lama und einiger weniger grosser lebender Buddhas. Für gewöhnliche Mönche ist die Feuerbestattung vorgesehen. In dicht bewaldeten Gebieten ist die Feuerbestattung auch für einfache Menschen üblich.
Sehr weit verbreitet unter den Tibetern ist die sogenannte Himmelsbestattung (auch Geier-Bestattung genannt). Die Leiche krümmt man in eine Fötusstellung und bindet ihre Arme sowie Beine am Körper fest. Dann wird der Leichnam mit einem weissen Teppich aus Wollstoff zugedeckt und ein Familienangehöriger trägt den Verstorbenen auf dem Rücken zur Himmelsbestattung. Dann übernimmt der „Leichenträger“ den Toten, um ihn an die Bestattungsstelle zu tragen. Unterwegs zur Himmelsbeisetzung darf man den Leichnam nicht auf den Boden legen, weil sonst die Seele des Verstorbenen an jenem Ort bleiben müsste. Im Laufe der Beisetzungszeremonie zerstückelt der Bestattungsmeister den Leichnam und verfüttert ihn an Geier.

Einleitung

Wenn die Leiche nach der Himmelbestattung ganz verschwunden ist, gilt dies als gutes Zeichen. Es bedeutet nämlich, dass der Verstorbene zu Lebzeiten keine grossen Sünden begangen hat und seine Seele ins himmlische Paradies aufsteigt. Was die Geier nicht fressen, wird verbrannt und die Asche in alle Richtungen verstreut. Nach der Himmelsbestattung bewirtet der Kontrolleur des Begräbnisses im Auftrag der Verwandten des Verstorbenen den Meister. Für einige Zeit nach der Zeremonie darf der Meister die Familie des Verstorbenen nicht besuchen, weil sonst die Seele des Verstorbenen mit ins Haus kommen und den Familienfrieden beeinträchtigen könnte.
Die Wasserbestattung wird meistens für Arme oder Waisen gewählt. Diese Form herrscht auch meistens in abgelegenen Gebieten der tibetischen Kultur, insbesondere in den dichten Wäldern und tiefen Tälern Südtibets, vor. Bei der Wasserbestattung bringt man die Leiche an einen Fluss, zerstückelt oder in ein weisses Tuch eingewickelt als Ganzes, und wirft ihn ins Wasser. Die Mönche führen eine Zeremonie durch, um die Sünden des Verstorbenen zu sühnen. Bei der Wasserbestattung ist der Leichnam eine Opfergabe für die „göttlichen Fische“ und bei der Himmelsbestattung für die „göttlichen Geier“. Aus diesem Grund ist es in Südtibet tabu, Fische zu essen.

Einleitung

In Tibet gibt es seit der Frühzeit auch die Erdbeisetzung. Früher wurde diese Bestattungsform bei Adligen und hohen Beamten bevorzugt. Auch heute sind noch grandiose Gräber der königlichen Familie zu finden. Mit der Verbreitung des Buddhismus wurde die Erdbestattung zunehmend von der Himmelsbestattung verdrängt. Die Familien von hohem Stand im zentralen Gebiet der tibetischen Kultur verzichteten auf die Erdbestattung ihrer Angehörigen. Nur Einwanderer oder die an Epidemien oder eines unnatürlichen Todes gestorbenen Menschen wurden noch in der Erde bestattet. Heute sind viele Tibetaner noch immer der Meinung, dass diese Art der Beisetzung „schmutzig“ sei, weil man diese Leichen nicht den „fliegenden Muttergottheiten“ (Mönchsgeier) oder den „Wassergöttern“ (Fische) opfert.

 

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Leben nach dem Tod ...oder was sehe ich, wenn ich sterbe