Begräbnisriten in China

           

Die chinesischen Begräbnisriten stützen sich auf den Ahnenkult, der die Grundlage der Geistigkeit darstellt und die Lebensweise aller Schichten der Gesellschaft bestimmt. Das Wesen des Ahnenkultes ist daoistisch. Es beruht auf den altertümlichen chinesischen Vorstellungen von sieben „tierischen“ und drei „menschlichen“ Seelen, ihrer Umwandlung nach dem Tod in den „Geist“ und das „Gespenst“. Der erste kommt in den Himmel und der zweite in die Unterwelt. Diese beiden Orte liegen gemäss den volkstümlichen Glaubensvorstellungen auf dem Berg Tai Shan beziehungsweise in der „Geisterstadt“ Fendu. Es ist zu erwähnen, dass diese Menschen an den Einfluss der Ahnen auf das Schicksal ihrer Nachfahren glaubten. Der Daoismus hatte den archaischen Vorstellungen der frühen Religionsformen einen neuen Sinn gegeben und machte sie zur Hauptkomponente seiner Unsterblichkeitslehre, die als Grundlage der daoistischen Ritualpraxis sowie der Totenfeier diente.
Traditionell dauert der Beisetzungsritus drei bis neunundvierzig Tage, das hängt von den finanziellen Möglichkeiten der Familie sowie den Empfehlungen des Feng-Shui-Meisters ab, der die beste Zeit für die Beerdigung bestimmt.
Das Totengebet nimmt seinen Anfang beim Sonnenuntergang. Die in rituelle Tracht gekleideten Daoisten lesen über dem Sarg mit der Leiche eine kurze Lebensgeschichte des Verstorbenen vor. Alle seine Kinder mit ihren Familien hören dieser Geschichte kniend zu. Danach knien während des Totengebets nur der älteste Enkelsohn des Verstorbenen und die Daoisten. Die Verwandten lösen einander von Zeit zu Zeit an jeder Seite des Sargs ab. Sobald es Tag wird, nimmt das Totengebet ein Ende.

Einleitung

Der Sarg mit dem Leichnam wird draussen vor dem Haus aufgestellt. Manchmal tut man das sogar in der Nacht. Bevor der Trauerzug zum Beerdigungsort auszieht, veranstalten die Daoisten traditionell eine Wahrsagung mit dem Blut eines lebendigen Hahns: Man schneidet in seinen Kamm und gibt in drei mit Wasser gefüllte Gefässe einen Tropfen Blut hinein. Falls die Tropfen sich im Wasser nicht auflösen und ganz bleiben, soll das bedeuten, dass die Kinder des Verstorbenen in Frieden und gutem Einverständnis miteinander weiter leben werden. Danach folgt das Ritual der Verbrennung des Hauses für den Geist des Verstorbenen, das sein neues Heim im Jenseits (Lifanczy) darstellt. Man bastelt Lifanczy aus Buntpapier und Bambusrohr; seine Grösse sowie Ausstattung hängen vom Auftrag der Verwandten ab. Vor dem Eingang der Zimmer stehen gewöhnlich die meisterhaft aus Papier geschnittenen Figuren der Wachposten und Dienstleute. In modernen Häusern für den Geist des Verstorbenen gibt es oft Fernsehapparate, Kühlschränke, Waschmaschinen usw. Lifanczy muss unbedingt vollständig verbrannt werden. An diesem Ritual nehmen alle Verwandten des Verstorbenen teil. Sie rennen um das brennende Lifanczy und ziehen dabei immer grössere Kreise. Man glaubt, dass der letzte Kreis den Raum für den Verstorbenen im Jenseits bestimmen soll, und versucht ihn möglichst gross darum herumzuziehen, ehe das Lifanczy abbrennt.
Ein Feng-Shui-Meister legt im Voraus das Zeremoniell des Trauerzuges fest. Den Sarg mit der Leiche trägt man auf Händen zum Beerdigungsort. Voran gehen die älteren Söhne und Enkel des Verstorbenen, die sein Bild und das von einem Daoisten vorbereitete Namensschild tragen. Nach ihnen kommen acht Sargträger. Den Sarg hebt man traditionell unter dem Knallen der Petarden auf. Andere Verwandte gehen hinterher, nach ihnen kommen die Daoisten, die den Trauerzug durch rituelle Musik begleiten. Die eingeladenen Freunde, Nachbarn und Bekannten des Verstorbenen sowie seiner Familie beschliessen den Zug. Von Zeit zu Zeit geben die Sargträger ein Zeichen, der Beerdigungszug stoppt, die Musik hört auf und alle knien gramerfüllt in vollkommener Stille nieder.

Einleitung

Nach der Beerdigung werden das Namensschild des Verstorbenen, das Ritualgeld sowie die Räucherstäbchen auf seinem frischen Grab verbrannt. Die Daoisten gehen sofort weg, denn sie dürfen gemäss der Tradition nicht das Haus des Verstorbenen besuchen. Die anderen gehen zurück.

 

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Leben nach dem Tod ...oder was sehe ich, wenn ich sterbe