Im Vergleich zu den europäischen oder christlichen Traditionen hatte die Vorstellung vom Tod bei den mesoamerikanischen Kulturen (Mesoamerika war ein historisch-kultureller Raum in Zentral-Amerika, wo sich mehrere Hochkulturen entwickelten, wie zum Beispiel die Maya, Azteken u.a.) sehr eigenartige Formen. Zuallererst betrifft das die Paradiesvorstellungen und den besonderen Todeskult, der mit der Opferpraxis zusammenhing.
Historische Schriftdenkmäler der Nahua (Gruppe von Indianerstämmen) und die Werke von spanischen Chronisten berichten über die Orte, wohin die Seelen nach dem Tod kamen. Eine interessante Besonderheit der Glaubenvorstellungen der Nahua ist zu erwähnen: Der Ort für die Seele nach dem Tod des physischen Körpers wurde nicht durch die Taten des Menschen während seines Lebens, sondern durch seine Todesursache bestimmt. Ins Haus der Sonne kamen die Seelen der Krieger, die auf dem Schlachtfeld oder auf dem Opferaltar starben. In vier Jahren kehrten sie in der Gestalt von Kolibri oder anderen Vögeln auf die Erde zurück. Dieses Paradies war sogar den gefangenen und dann geopferten gegnerischen Kämpfern vorbehalten. Die bei der Entbindung verstorbenen Frauen kamen ins Maishaus, das zum Sonnenhaus gehörte. In der Nacht konnten sie in Form von auf Unglück hindeutenden Gespenstern auf die Erde zurückkommen.
Die Seelen der ertrunkenen, durch Blitzschlag sowie durch Wasser umgekommenen Personen kamen ins Paradies des Gottes Tláloc, den Ort der Fruchtbarkeit, wo viele Obstbäume wuchsen.

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Die Azteken (die aztekische Zivilisation existierte zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert und hatte eine entwickelte Kultur sowie Mythologie) glaubten, dass die meisten Seelen nach dem Tod in die Unterwelt Mictlan kamen, wo es aber nichts Fröhliches gab. Der Ort des Todes Mictlan bestand aus neun Stufen. Die Herrscher von Mictlan waren der Gott Mictlantecuhtli und seine Frau – die Göttin Mictlancihuatl. Um nach Mictlan zu kommen, sollten die von den Göttern nicht auserwählten Personen, die eines natürlichen Todes (ein ruhmloser Tod oder Tod nach einer Krankheit) starben, auf den eisigen Weg der Unterwelt gelangen, den man in vier Jahren durchlaufen musste. Auf der 9. Stufe der Unterwelt lag Mictlantecuhtli. Auf diesem Weg waren die Seelen der Verstorbenen verschiedenen Entbehrungen und Strafen ausgesetzt. Der Weg war so schwierig, dass viele von ihnen scheiterten, ohne das Ende zu erreichen.

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Die Selbstaufopferung in der mesoamerikanischen Kultur betrachtete man nicht als die Bereitschaft zur Opferung zwecks Erreichung eines gemeinsamen Zieles, sondern als eine rituelle Funktion des Menschen, die sein ganzes Leben bestimmt. Seit uralten Zeiten hatten die Maya ihr eigenes Jenseitsbild. Die Indianer aus Mittelamerika glaubten, dass es das Leben nach dem Tod gibt. Dieser Volksglaube beruht auf den Vorstellungen von der Existenz besonderer Kräfte im menschlichen Körper, der immateriellen Substanz, die den Körper während des Schlafes oder nach dem Tod verlässt. Die Konzeption der Indianer unterscheidet sich von den europäischen Vorstellungen über die menschliche Seele vorwiegend durch eine kompliziertere Bestimmung der immateriellen Substanz.


Die Vorstellungen vom Jenseits in traditionellen Religionen

Christentum

In monotheistischen Religionen (im Judentum, später auch im Christentum und Islam) werden allmählich ethische Grundlagen des Lebens akzentuiert. Dies führt zu einer endgültigen Teilung des Jenseits in Hölle und Paradies. Im Monotheismus ist das Jenseits auf die Vergeltung der Taten des Menschen, die Unsterblichkeit der Seele, die künftige Auferstehung der Toten, die Verklärung des ganzen menschlichen Lebens am Ende der Geschichte, die Ankunft des Messias und das Himmelreich ausgerichtet.

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Leben nach dem Tod ...oder was sehe ich, wenn ich sterbe